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Tierschützer vorm Schlachthof in Kellinghusen Aug. 2018

bisher unveröffentlicht v. 8. Juli 2020

Nun ist es amtlich und seit Mai 2020 in aller Munde: Schlachthöfe sind Covid-19 Infektionsherde und die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen sind prekär. Redaktionen aller möglichen Medien schicken ihre Journalist*innen „ins Feld“. Sie suchen händeringend rumänische Werkvertragsarbeitende für Interviews.

Alle wollen jetzt vorneweg dabei sein, brauchen jetzt die Aussagen der rumänischen oder bulgarischen Werksvertragsarbeiter*innen, als Zeuginnen oder Zeugen dieser skandalösen Verhältnisse. Darüber hätten sie auch schon seit Jahren berichten können. Wenn sie das gewollt hätten. Wenn es für die Zeitung, den Sender, den Kanal opportun gewesen wäre. Doch nur ganz wenige Redaktionen beschäftigten sich schon vor den Corona-Ausbrüchen in den Schlachthöfen hintergründig mit diesem Thema.

Aber dank dem Corona Virus und der hohen Ansteckungsquote in den Schlacht- und Zerlegebetrieben brauchen sie nun die Interviews. Alle wollen in der den Medien eigenen skandalisierenden Mainstream-Momentaufnahme von den sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen berichten können, denen die von Sub-Unternehmern in osteuropäischen Ländern angeheuerten Menschen ausgesetzt sind. Eine Reportage folgt der nächsten. Sondersendungen werden zum Thema angesetzt. Titelstorys befassen sich mit den Zuständen in den Schlachthöfen und mit der Rolle des Branchenführers Clemens Tönnies. Es gleicht einem regelrechten Wettbewerb im Übertrumpfen von Negativ-Schlagzeilen über das Sub-Unternehmersystem, das der Fleischindustrie als erfolgsversprechendes, gewinnträchtiges Geschäftsmodell dient.
Berichtet wird von mafiösen, von unhaltbaren Zuständen, unter denen diese Menschen arbeiten und wohnen. So als ob diese Zustände erst jetzt durch die Pandemie dringend erzählt werden müssten. So, als ob es diese Zustände nicht schon seit Jahren gäbe.

Das Corona Virus offenbarte im Zeitraffer Tempo, was bis Frühjahr dieses Jahres von der industriellen Fleischproduktion, deren Lobbyisten und der sie unterstützenden Politik erfolgreich gedeckelt wurde. Da sich bundesweit Schlachthöfe als Hotspots von Corona Infektionen offenbaren, wurden plötzlich auch die Zustände in diesen Schlachthöfen zum Thema und damit auch das seit Jahrzehnten bestehende gewinnbringende Modell des Subunternehmertums mit Werksvertragsarbeitern.

So wichtig und absolut überfällig diese Berichte sind und es kann gar nicht genug davon geben, weil mit ihnen doch immer wieder und immer noch weitere unfassbare Aspekte dieses modernen Sklavenhaltertums ans Licht kommen, begleitet diesen Moment der breit gestreuten medialen Erkenntnis doch auch ein Hauch von Bitterkeit. Ja, es ist bitter, mitzuerleben, dass es erst einer Pandemie wie der aktuellen bedarf, um die unhaltbaren Zustände an diesen Tierschlacht- und Zerlegungsfabriken sichtbar zu machen. Erst mit der Pandemie werden diese Fabriken zur Gefahr für die Menschen in der Region, für die deutsche Bevölkerung, die nun mit von den Zuständen in diesen Fabriken betroffen sind. Es ist bitter für die Betroffenen, die erst nach den positiven Covid-19 Tests sichtbar wurden in unserer Gesellschaft. Die sich erst unfreiwillig infizieren mussten, um gesehen und gehört zu werden. Um ihre Geschichte als moderne Sklaven mitten in Deutschland erzählen zu können. Bitter auch für diejenigen, die seit Jahren diese Verhältnisse aufzeigen, die seit Jahren Veränderung fordern, die sich seit Jahren für Menschenwürde und Tier Wohl engagieren und die die in den Arbeitsverhältnissen der Schlachthöfe stattfindenden Menschenrechtsverletzungen detailliert beschrieben haben.

Die erste größere Gruppe Infizierter, mehr als 300 Schlachthofarbeitnehmer*innen gibt es im April bei Müller-Fleisch in Birkenfeld bei Pforzheim. Danach macht Westfleisch in Coesfeld Corona-Schlagzeilen, dann Vion in Bad Bramstedt. Schlachthöfe als Corona-Hotspots werden zum omnipräsenten Thema.
Arbeitsminister Heil erklärt in einer Bundestagsfragestunde, mit diesen Verhältnissen – der Situation der zumeist osteuropäischen Arbeitnehmer*innen – schnellstens aufzuräumen, die für ihn „entsetzlich, beschämend und nicht zu tolerieren“ seien. Zu diesem Zeitpunkt wehrt sich Marktführer Clemens Tönnies, der Chef des Familienunternehmens Tönnies Holding, noch vehement dagegen, als Branche einem Generalverdacht ausgesetzt zu werden. Doch dann werden in seinem Hauptwerk in Rheda-Wiedenbrück über 1500 Arbeitnehmer*innen positiv auf Covid-19 getestet. Für Clemens Tönnies der „Supergau“. Es hat ihn erwischt, ohne Wenn und Aber. Der Schlachthof Marktführer übernimmt auch die Führung bei den Corona Infizierten innerhalb der in Deutschland ansässigen Schlacht-und Zerlegebetriebe. Entsprechend schnell wird er zur Zielscheibe massivster, auch hämischer Kritik. Kritik, die zum Teil extrem heuchlerisch daherkommt von denjenigen, die sich gestern noch gerne mit Clemens Tönnies verbündet sahen, die sich in seinen Schulterklopfern sonnten, die alles dafür taten, dazu zu gehören und in dessen Liga mitspielen wollten. Diejenigen, die wussten, auf welchen absurden, menschenverachtenden Konstruktionen Clemens Tönnies sein Schweine-Imperium aufbaute und Milliardenumsätze erzeugte.

Seit Jahren wurde und wird von Gewerkschaften, von Bürgerinitiativen und Kirchengruppen, von einzelnen Journalist*innen dieses System des Sub-Unternehmertums mit Werksverträgen heftig kritisiert, mittels dessen im System Tönnies hauptsächlich osteuropäische Arbeiter und Arbeiterinnen als moderne Sklaven die rund 21 Millionen Schweine jährlich schlachten und zerlegen. Wie er sich gegen alle Anfeindungen, alle Skandale bisher erfolgreich wehren kann heute in den vielen Reportagen nachgelesen werden. Egal, ob er mit „Gesprächsangeboten“ und „Runden Tischen“ und kleinen, für ihn letztlich unbedeutenden Zugeständnissen, den Kritiker*innen Wind aus den Segeln zu nehmen schaffte. Es waren immer Maßnahmen, die dem Aufbringen von kleinen, für die Heilung großer Wunden unbedeutenden Pflastern gleichkamen. Auch die Selbstverpflichtungserklärung, die er im Herbst 2015 öffentlichkeitswirksam als einer der sechs Großen im Schlachtgeschäft unterschrieb, wonach bis Juli 2016 sämtliche Jobs in den Schlachthöfen und Zerlege Fabriken auf deutsches Arbeitsrecht umgestellt werden sollte, war nichts weiter heiße Luft. Waren leere Worthülsen, die das Papier nicht wert sind, auf das sie geschrieben wurden. Großmäulig in die Mikrophone gesprochen, verpufften sie direkt nach Ende der Ansage irgendwo in den Sphären. Das System Tönnies konnte fortfahren, ohne auch nur im Ansatz auf Einhaltung der Selbstverpflichtung kontrolliert zu werden. Gesetze zum Tier Wohl oder für standardisierte faire Arbeitsbedingungen für die in den Großbetrieben der industriellen Fleisch- und Landwirtschaft Beschäftigten scheint nicht im Interesse des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zu liegen. Vielmehr agiert dieses Ministerium sehr deutlich im Interesse der großen Lobbyisten. Weder die aktuelle Ministerin Julia Klöckner, noch ihr Vorgänger Schmidt engagierten sich in diesen Bereichen für nachhaltige Veränderungen im Interesse der Arbeitnehmer*innen, im Interesse des Tierwohls und der Umwelt. Seit vier Jahren hätte es dieses System, über das sich heute Medien und Politik empören, schon nicht mehr geben sollen, hätten Herr Tönnies und die anderen ihre medial gut verkauften Versprechungen umgesetzt und wäre dies vom Ministerium kontrolliert worden. Doch es blieb unangetastet das Sub-Unternehmer und das Werkvertragsarbeiter*innen System.

Heute sprechen viele von mafiösen Strukturen, mit denen beispielsweise Tönnies 2019 rund 7,3 Milliarden Euro Jahresumsätze machen konnte. Der Familienbetrieb gehört zu 50 Prozent Clemens Tönnies und zu 50 Prozent dessen Neffe Robert Tönnies, der ihn nach dem Corona Ausbruch zum Rücktritt aufforderte. Das Privatvermögen beider Eigentümer wird jeweils auf rund 2,3 Milliarden Euro geschätzt. Mitte Mai, noch in der von ihm gerne befahrenen „ich bin unantastbar“ Spur, schrieb Clemens Tönnies laut Neue Osnabrücker Zeitung an Minister Heil: "Ein generelles Verbot von Werkverträgen in der Fleischwirtschaft hätte massive, strukturell-negative Veränderungen für die Agrarwirtschaft zur Folge." Sicherlich würden bei gleichbleibender Preispolitik sich die Gewinne reduzieren. Festangestellte Arbeitnehmer*innen und Mindestlohnzahlungen erhöhen die Produktionskosten.

Sicher schmerzt es jetzt den Ostwestfalen, den großen Mäzen seiner Heimatstadt, den langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden des Bundesligaclubs Schalke 04, den Branchenführer der deutschen Schlachtindustrie, plötzlich von Negativschlagzeilen überschüttet zu werden. Es geht ja jetzt um ihn und nicht um die Tausende von osteuropäischen Arbeitnehmer*innen, die in den vergangenen Jahren mit ihren körperlichen oder seelischen Schmerzen vor sich hin gelitten haben, um ihre Jobs nicht zu verlieren durch Fehltage am Arbeitsplatz. Nun geht es um Clemens Tönnies selbst, er wird nun fallengelassen wie eine heiße Kartoffel, die sich der Essende noch gerne zu Leibe geführt hätte, aber sie dann doch lieber fallenlässt, um sich nicht daran zu verbrennen. Demonstrationen aufgebrachter Familien vor seiner Firma und seinem Wohnort. Schalke Fans fordern aufgebracht und hartnäckig endlich klare Entscheidungen gegenüber Clemens Tönnies, sie fordern seinen Rücktritt, den Tönnies dann auch Ende Juni verkündet. Ein „Weiter so“ geht nicht mehr. Nicht mehr mit ihm. Nur Uli Hoeneß, langjähriger Präsident des FC Bayern München, steht seinem Freund und Kumpel Ende Juni zur Seite. Sagt dabei, er fühle sich erinnert an seine Zeit mit der Steuersache. Worte verniedlichen Fakten. Er spricht von Steuersache und meint damit den Steuerbetrug, als er schlappe 27 Millionen Euro am Fiskus vorbei in seine eigenen Taschen fließen lies. So etwas Hochkriminelles vermutet Mensch nicht unbedingt hinter dem Wort Steuersache. Hoeneß empört sich weiter, dass es doch nicht sein könne, „dass man dann alles, was er (Tönnies) so geleistet hat, was er für eine große Firma aufgebaut hat, jetzt plötzlich in Schutt und Asche redet.“ Anstatt sich jetzt darüber zu empören, hätte der gute Herr Hoeneß seinem Freund rechtzeitig doch einfach raten können, das System, mithilfe dessen er seine Gewinne generiert, zu verändern. Doch nix da. In der Vergangenheit schob Clemens Tönnies immer den Sub-Unternehmern die Verantwortung zu, wenn mal das Thema unwürdige Zustände in den Unterkünften der Werkvertragsarbeitenden angesprochen wurde. Geändert hat er daran nichts, hat die Verhältnisse über Jahre hinweg wissend akzeptiert. Schließlich brauchte es für ihn solche Verhältnisse, um seine Gewinne zu maximieren. Auch die seit Jahren wiederholten Kritiken an fehlendem Arbeitsschutz, an untragbaren Überstunden, an nicht ausgezahlten Mindestlöhnen, an nicht vorhandener Grundausstattung für die Arbeiter, um nur einiges davon zu nennen, was seit Jahren wiederholt geäußert wurde, bewegten Tönnies nicht zur Veränderung, nicht mal zur Umsetzung der mitunterzeichneten Selbstverpflichtung.

Statt den Mindestlohn und die Festanstellung der osteuropäischen Werkvertragsarbeitenden umzusetzen, engagiert Clemens Tönnies den ehemaligen SPD Chef und ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel für schlappe 10.000 Euro monatlich plus Spesen für Strategien für den chinesischen Markt. Gabriel, der noch 2015 herbe Kritik gegenüber der Fleischindustrie äußerte, sieht in diesem Kurzzeit Vertrag nichts Anrüchiges. Was ist anrüchig für diejenigen, die in der Oberliga in Politik und Wirtschaft mitspielen? Was ist normal? Für den ehemaligen Chef der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die einmal als Partei der arbeitenden Klasse angetreten war, ist es normal, sich von Clemens Tönnies, über dessen ausbeuterischen Praxis gegenüber osteuropäischen Arbeitnehmer*innen er sich selbst vor fünf Jahren noch lauthals empörte, für 10.000 Euro monatlich einstellen zu lassen. Wissend ob der Arbeitsbedingungen der großen Mehrheit der Belegschaft. Moral wird lästig, wenn das Geld lockt. Werte bleiben auf der Strecke für die Chance mitspielen zu können bei den großen global players dieser Welt, auch wenn Mensch von deren Skrupeln weiß. Offensichtlich ist Sigmar Gabriel beides abhandengekommen, sollte er Moral und ethische Werte vormals besessen haben.

Das Corona Virus und investigative Journalist*innen bringen gemeinsam ans Licht, wer wissentlich im Dunkeln menschenverachtend und das Tierwohl außen vor lassend, skrupellos agiert. Das Problem ist präsent und wird nun vielfach in Talkshows oder Reportagen auf die Fleischgier des Konsumenten reduziert, auf das gewünschte Billigfleisch in den Regalen der Discounter. Die Nachfrage von Otto und Helga Normalverbraucher als Ursache allen Übels. Damit auch sie, die ärmeren Menschen innerhalb unserer eigentlich reichen Gesellschaft, regelmäßig ihr Stück Fleisch auf den Tisch bekommen können, sei Billigproduktion notwendig. Ist diese Billigproduktion mithilfe mafiöser Strukturen nicht auch die Grundlage für die Milliardengewinne von Clemens und Neffe Robert Tönnies? Wo bleiben die Fragen danach?
Unbestritten ist es absurd, was dem fleischessenden Teil der Bevölkerung zu Schnäppchenpreisen angeboten wird für die Grill- und Nackensteaks, die Würstchen und Schnitzel und was da noch so alles aus dem im Schnelldurchlauf gezüchteten Schlachtschwein essbares produziert werden kann. Unbestritten ist der Konsum an Fleischprodukten derjenigen, die auf diese Nahrungsmittel weiterhin zugreifen, absurd hoch. Weder die Preise, noch die Menge sind haltbar, vor Allem dann, wenn es um die Frage Klimawandel und Nachhaltigkeit von Produktionsschritten geht. Überaus absurd ist aber auch das Privatvermögen, das die Großen der industriellen Nahrungsmittelproduktion und –Vermarktung sich in den letzten Jahren angehäuft haben, egal ob ihnen die Marktbeherrschenden Discounterketten gehören oder ob sie eben Clemens Tönnies heißen und zu 50 Prozent Eigner des Familienunternehmens sind.

Es ist richtig und notwendig, die arbeitsrechtlichen Bedingungen innerhalb dieser Produktions- und Vermarktungskette klarer mit Mindestlohnfestlegungen und sozialversicherten Arbeitsverträgen zu regulieren. Es ist auch richtig, Richtlinien zu erstellen gegen die Produktion von Billigprodukten auf Kosten von Mensch, Tier und Umwelt. Dazu gehört die Produktionskreisläufe aufzuzeigen. Es ist unredlich, Produktionskosten ausschließlich für die Abläufe innerhalb der Betriebe zu kalkulieren ohne Einbeziehung der entstandenen Umweltkosten.

Massentierhaltung, Großschlachtereien und der Regenwald
In der Tönnies Schlachterei im schleswig-holsteinischen Kellinghusen, eine der kleineren Werke im großen Schlachtimperium des Familienunternehmens, werden aktuell rund 4.000 Schweine täglich geschlachtet, das sind rund 1,2 Millionen im Jahr. Alle gemästet in Massentierhaltung, in Großbetrieben, deren umweltverträgliche Bedingungen durchaus in Zweifel gezogen werden können. Insgesamt werden in Deutschland Jahr für Jahr mehr als 100 Millionen Tiere geschlachtet. Für deren Mast braucht es Kraftfutter. 30 Prozent dieses Futters besteht aus Soja, dass hauptsächlich aus Regenwaldländern nach Deutschland importiert wird, wofür wiederum vorher Regenwaldflächen brandgerodet bzw. abgeholzt werden. Von der Menge an Getreide und Soja, die benötigt wird, um ein einziges Steak zu produzieren, könnten 2 Menschen am Tag satt werden.

Wenn wir hier in unserem beschaulichen nördlichsten Bundesland von Brandrodungen in Brasilien lesen, sind wir empört über diese skrupellose Vernichtung der Regenwaldflächen. Wir sprechen von verheerenden Bränden, von Gefahren für die Umwelt, von ansteigenden Emissionswerten. Aber wird nicht genau hier bei uns, in den großen Mastbetrieben das dann auf brandgerodeten brasilianischen oder bolivianischen Äckern angebaute Soja an die Tiere verfüttert? Schreit der Markt der die industrielle Fleischproduktion am Leben hält und aus ihr lukrative Gewinne zieht, nicht gerade nach immer mehr Soja? Bekommt dabei die europäische Empörung über den brasilianischen Populisten Jair Bolsonaro nicht einen schalen Beigeschmack? Die Amazonaswälder sind wichtige Bestandteile der Lunge unserer Erde. Wir müssen sie schützen, das steht völlig außer Frage. Sofort! Doch der Fingerzeig auf „die da“ oder gar womöglich: „die da unten in Brasilien“, der reicht nicht mehr. Denn unser vorhandenes System der industriellen Landwirtschaft und Fleischproduktion hängt direkt mit den Brandrodungen in Brasilien zusammen. Wir sind allesamt Akteur*innen, sind allesamt gefordert. Der Jahresverzehr an Fleisch pro Person liegt aktuell bei rund 88 kg. Wenn jede*r Bundesbürger*in nur einmal pro Woche auf Fleisch verzichten würde, könnte das zu einer jährlichen Einsparung von rund neun Millionen Tonnen Treibhausgas-Emissionen führen. Hier geht es um mehr als um die Covid-19 Gefahren in den Großschlachthöfen des globalen Nordens. Es geht um richtungsweisende politische Vorgaben und es geht um Lebensgewohnheiten, die dringende Kurswechsel benötigen.

Die Umwandlung der Werkverträge in sozialversicherte Verträge mit Kündigungsschutz, Urlaubsrecht und Mindestlohn sollte zweifelsohne schnellstens stattfinden. Ebenso wie regelmäßige, unangekündigte Kontrollen innerhalb der Betriebe. Doch sind diese Maßnahmen noch weit entfernt davon die Probleme für Mensch, Tier und Umwelt durch die industrielle Landwirtschaft und industrielle Fleischproduktion zu lösen. Sie können lediglich als erste kleine Schritte auf einem langen, dringlich notwendig einzuschlagenden Weg angesehen werden, wenn wir die „Offenbarungen“ durch die Corona-Pandemie ernst nehmen.