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MIriam Miranda Preisverleihung FES 27.11.2019


Die Rebellin der Karibikküste

Am 27. November überreicht die Friedrich Ebert Stiftung ihren Menschenrechtspreis 2019 an die Honduranerin Miriam Miranda, die sich seit über 30 Jahren für die Rechte der Garifunas einsetzt.

Miranda ist an der honduranischen Karibikküste zu Hause. Dort erfährt sie Ende September 2019, dass sie in diesem Jahr die Preisträgerin des Menschenrechtspreises der Friedrich Ebert Stiftung sein wird. „Als ich hörte, dass sie mich für diesen Preis auserwählt haben, dachte und fühlte ich zunächst: damit werde ich stärker gefährdet sein. Das ist kaum zu glauben, oder. Aber wir haben hier in Lateinamerika gesehen, dass insbesondere Frauen, die Preise oder irgendeine Form von Anerkennung für ihre Arbeit als Menschenrechtsverteidigerinnen erhalten haben, dadurch exponierter wurden. Wir sind stärker gefährdet, weil sie uns als Unruhestifter sehen und uns Terroristen nennen, die gegen die Gesetze des Staates verstoßen würden. Daher kamen meine ersten Ängste.

Doch sicherlich, erinnert sich Miranda an ihre ersten Reaktionen, habe sie den Preis auch als eine bedeutende Auszeichnung gesehen angesichts der aktuellen Lage in ihrem Land Honduras.

Am 12. Oktober dieses Jahres hatte sie auf Twitter den Hilfeschrei: „Sie bringen uns um!“ gepostet. Auftragskiller hatten die Lehrerin Maria Digna Montero getötet. Damit erhöhte sich die Zahl auf 17 ermordete Garifunas in 2019, davon sechs politisch aktive Frauen.
Wir sind dieses Jahr extrem besorgt und im hohen Masse alarmiert über die Zunahme an Gewalt, an Morden, an Unsicherheit und Kriminalität, die sich in den Garifuna Gemeinden ausbreitet.“ Aus diesem Grund sprach Miranda gegenüber der lokalen Presse, dass dieser Alarmzustand dringend öffentlich werden müsse, dass sie Schutzmaßnahmen erwarte.

Ursprünglich kommen die Garifunas von der Karibikinsel San Vicente. Ihre Vorfahren waren karibische Kreolen, indigene Arawaks und gestrandete afrikanische Sklaven.
Das Siedlungsgebiet der Garifunas erstreckt sich entlang der Karibikküste von Belize bis hinunter nach Costa Rica. In Honduras begannen sie sich vor mehr als 220 Jahren niederzulassen. Sie sprechen garifuna, so heißt ihre eigene Sprache, aber auch spanisch. Ihr bekanntester Tanz ist die Punta. Begleitet von den Tambores, den Trommeln der Männer. Weniger öffentlich rufen sie in ihrem Dügü Ritual, die Geister ihrer Ahnen an. Zur traditionellen Küche gehört Fisch, die Kokosnuss und Maniok. Ihre Kultur, ihre Musik und Tänze, und auch ihre Sprache, wurde 2001 in die UNESCO Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Doch diese internationale Anerkennung schützt die Garifunas in Honduras in keinster Weise vor Landraub und gewaltsamer Vertreibung aus ihrer Heimat. Denn das ihnen gehörende Gemeindeland liegt in einer heiß umkämpften Region. Multinationale Konzerne wollen an die Bodenschätze ran oder im großen Stil Tourismus- oder Energieprojekte oder aber Palmölmonokulturen platzieren. Das alles ist in Honduras möglich, da durch die vorhandene Korruption bis in die höchste politische Ebene die Rechtsstaatlichkeit nicht greift.

Wir befinden uns heute in einer der kritischsten Situationen, mal von den Schikanen und den Ängsten abgesehen, die wir sowieso tagtäglich erleben, wenn wir unseren Lebensraum verteidigen. Die Garifuna Gemeinden liegen innerhalb des Drogenkorridors, das hat unsere Lage verschlimmert.
Die 54 Jährige Miriam Miranda ist Koordinatorin von OFRANEH, der schwarzen brüderlichen Organisation von Honduras, einer Organisation, die seit Jahrzehnten gegen Diskriminierung, Landraub und Vertreibung und für den Erhalt ihrer Traditionen kämpft.
Unsere Dorfgemeinschaften werden von kriminellen Gruppen okkupiert. Es geht um territoriale Kämpfe der Drogenkartelle, wer beherrscht welchen Korridor. Und inmitten dieser Kampfzonen dieser kriminellen Drogenbanden leben die Garifunas. Was macht der Staat? Er schickt Militär in unsere Gemeinden, angeblich um den Drogenhandel zu bekämpfen. Eine völlig verlogene Politik. Jeder weiß hier sehr genau, wer alles in die Drogengeschäfte involviert ist. Aber damit werden unsere Gemeinschaften militarisiert und erleben eine repressive Politik als vermeintliche Bekämpfung des Drogenhandels.

Im Oktober dieses Jahres wurde Juan Antonio Hernández von einem New Yorker Gericht schuldig gesprochen. Die Anklage lautete: Drogenhandel im großen Stil! Juan Antonio ist Bruder des amtierenden Präsidenten von Honduras, Juan Orlando Hernández. Der wiederum kandidierte 2017 verfassungswidrig ein zweites Mal für die Präsidentschaft und übernahm trotz offensichtlichem Wahlbetrug erneut das Amt. Während des New Yorker Prozesses gegen seinen Bruder bezeichneten ihn die Staatsanwälte als „Mitverschwörer“. Honduras heute beschreibt Miriam Miranda als “ein Land, das nach dem Staatsstreich 2009 in sich zerfiel, dessen institutionelle Struktur zerstört ist und von einer Drogendiktatur beherrscht wird.

Es ist ein Land mit einer der weltweit höchsten Mordraten. Besonders gefährdet sind Umweltaktivisten: 123 Personen, die sich für den Erhalt von Flora und Fauna einsetzten, sind hier zwischen 2009 und 2016 ermordet worden. Mehr als 60 Prozent der Honduraner gelten als arm, rund 38 Prozent leben in extremer Armut. Davon betroffen sind vor allem auch viele Indigene in ihren weit abgelegen Dörfern ohne Infrastruktur, ohne medizinische Versorgung. Mit ihrer Organisation OFRANEH schiebt Miranda Projekte und Initiativen an, um diese Situation zu verbessern. Zum Beispiel in dem kleinen Dorf Vallecito, gelegen inmitten des Drogenkorridors.

Es liegt unweit der Küste mit einer Lagune und ist daher perfekt geeignet für den Drogentransfer. Vallecito ist permanent umkämpftes Gebiet. Aber es ist für uns Garifunas auch ein Ort der Hoffnung. Denn dort haben wir ein Projekt für das Leben gestartet, ein Zukunftsprojekt der Garifunas. Für unsere Jugend, für die Frauen. Mit unserem dortigen Projekt wollen wir die Kokosnuss als wichtigen Teil unserer Grundnahrung durch Neuaussaat erhalten.

Sie ist gut ein Meter fünfundsiebzig groß und trägt ihre Dreadlocks meist zusammengebunden und durch ein Kopftuch bedeckt. Ihre vollte tiefe Stimme ist unverkennbar Körpergröße und ihren meist zusammengebundenen Dreadlocks ist Miriam Miranda auch in Ansammlungen mehrerer Menschen nicht zu übersehen. Unverkennbar ist ihre volle tiefe Stimme, mit der sie meist in einfachen, klaren Worten Zusammenhänge erklärt oder laut und deutlich hörbar die repressiven und ihre Rechte verletzenden Zustände anklagt. Wenn sie ihre Wut und Trauer über einen weiteren Mord oder die Vertreibung der Garifunas von ihrem Gemeindeland ausdrückt. Und wenn sie davon spricht, warum gerade in diesem Moment an diesem Ort gegen diese oder jene wirtschaftlichen Interessen oder politischen Entscheidungen sie ihre Rechte gemeinsam einfordern müssen und gegen Menschenrechtsverletzungen klagen müssen. Oder dass sie sich auf ihre Traditionen besinnen sollten.

Für OFRANEH hat der Wiederanbau von Kokospalmen mit Ernährungssouveränität zu tun. Es geht uns aber auch um den Aspekt Stärkung der Gesundheit dabei.“

Vallecito gilt als von den Narcos durch die Garifunas zurückerobertes Dorf. Sie haben sich dort auch wieder angesiedelt, trotz permanenten Bedrohungen und Einschüchterungen. Miriam Miranda will dort auch ein weiteres zukunftsorientiertes Projekt starten.

In diesem Sinne forcieren wir auch die erste indigene Universität des Landes, in der wir unsere Identität durch Bildung auf der Basis unserer Traditionen, unserer Kultur und unserer Rechte und dem überlieferten Wissen stärken wollen. Damit wollen wir mit dieser monolithischen, rassistischen, diskriminierenden Vision einer Akademiebildung brechen, die uns von unserer Identität und auch von der Weltanschauung der indigenen Völker trennt.

Im Sommer 2019 gehörte sie zu den Organisatorinnen eines Frauenkongresses mit rund 1.200 Frauen aus dem ganzen Land. Durchgeführt in Vallecito. Das Thema: Konzepte für eine soziale, menschenwürdige, eine gerechte und umweltbewusste Gesellschaft. Für Miranda sind die Frauen die Hauptakteurinnen in der Verteidigung der natürlichen Ressourcen, ohne deren Engagement würde der Planet Erde „zur Hölle fahren.

Die Feministin klagt die steigende Zahl der Femizide an, der Morde an Frauen, weil sie Frauen sind. Sie fordert das Recht auf Selbstbestimmung für die Frauen und ein Ende dieser alltäglichen Machogewalt, die die honduranische Gesellschaft prägt.

Miranda war eine der engsten Freundinnen der 2016 ermordeten Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin Berta Cáceres. Und sie weiß, dass ihr irgendwann genau dasselbe passieren könnte. Doch davon lässt sie sich nicht einschüchtern. Weder durch direkte Angriffe auf ihre Person, zu der auch eine Entführung gehörte, noch durch wiederholte Strafanzeigen oder permanente Morddrohungen.

Den Menschenrechtspreis der Ebert Stiftung erhält sie für dieses unermüdliche, gefährliche und daher sehr mutige Engagement für Menschenrechte sowie „ihr anhaltendes Engagement für die Rechte des Volkes der Garifuna und des Umweltschutzes“. Eine bitter nötige und wichtige Auszeichnung für Miriam Miranda aus Honduras, diesem von der internationalen Staatengemeinschaft kaum gesehenen Land.

Erika Harzer, 27. November 2019