Täglich wächst die Zahl der Mitlaufenden in der mittelamerikanischen Karawane der Verzweifelten. 7.500 Menschen sollen es am 23.Oktober sein. Trotz rumpelstilzartiger Tobsuchtsanfälle des US-Präsidenten Trump via Twitter, trotz der Androhung militärischer Aufrüstung an der Grenze und auch der bereits stattgefundenen Konfrontationen. All dies schreckt die Teilnehmenden nicht ab, hält sie nicht auf, diesen Weg weiter zu gehen. Täglich werden sie mehr und sie demonstrieren entschlossen, dass sie sich von den Grenzzäunen nicht aufhalten lassen. Rund 2000 Menschen starteten am 13. Oktober in San Pedro Sula, der Industriemetropole im Norden von Honduras. 10 Tage später sind es mehr als dreimal so viele.

Luftaufnahmen zeigen unendlich lange Menschenschlangen, die sich in der brütenden Hitze über die Straßen bewegen. Nahaufnahmen zeigen völlig erschöpfte Kinder, denen ihre mädchenhaft jungen Mütter besorgt ein paar Tropfen Wasser über den Kopf schütten, oder ihnen zu trinken geben. Mütter, deren Kindheit sich schon bald in von Gewalt, von Missbrauch und Misshandlungen getränkten Tragödien verwandelte. Kleinkinder, die mit ängstlichen Augen all das für sie unverständliche beobachten. Jugendliche in abgelatschten Turnschuhen und billigen Nachahmungen von Bayern München oder der deutschen Nationalelf Trikots einem Leben davongelaufen sind, das ihnen die Wahl zwischen schießen oder erschossen werden bot, die noch nicht die Hoffnung auf ein Leben aufgegeben haben. Ältere Männer, die schon mehrere Male auf dieser Route alleine oder in kleineren Gruppen versucht hatten, in die USA zu gelangen, deren Seelen gebrandmarkt sind, durch diese Höllenmärsche, denen sie letztlich lebend entkommen konnten, und doch so viel Leben dabei verloren haben. Die Entführungsopfer für Lösegeldforderungen brutaler Banden wurden, erlebt haben, wie andere neben ihnen erschossen wurden. Oder vom Güterzug in den Tod oder ein amputiertes Leben geschubst wurden. So setzen sie sich zusammen. Tausende von Menschen, kleine Rucksäcke geschultert. Vor Gewalt oder Elend geflohen.


Wie weit die Strecke ist, die Honduras von den USA trennt, davon haben die meisten nicht im Ansatz eine Vorstellung. Auch nicht davon, was sie auf dieser Strecke alles erwarten könnte. Die Karawane, die Massen von Menschen, bietet den Einzelnen darin Schutz vor stattfindenden gewalttätigen Überfällen, die Menschen auf diesen Routen sonst regelmäßig erleben, wenn sie einzeln unterwegs sind, recht- und schutzlos und extrem verletzbar, egal ob Mann, Frau, ob Greis oder Kind. Die Hoffnung auf ein besseres Leben treibt sie alle an, eines ohne alltägliche Gewalt und mit der Chance, eine Arbeit zu finden, mit der sie die Familie ernähren können. Eines, das es in dieser Form für sie in Honduras nicht gibt. Einfach ein besseres, denn schlechter kann es nicht werden.

Seit der Jahrtausendwende bewegt mich dieses Thema, beschäftige ich mich mit den Migrationsbewegungen in die USA aus den Ländern des mittelamerikanischen Norddreiecks, Honduras, Guatemala und El Salvador. Für Dokumentarfilme, kurze und lange Radiofeatures, zwei Kurzgeschichten und Printreportagen sowie Fotos, verbrachte ich in den letzten 15 Jahren viele Tage in unterschiedlichen Herbergen auf den Migrationsrouten, sowohl an der mexikanischen Südgrenze zu Guatemala, als auch im Landesinneren und an der Nordgrenze zu den USA. Ich fuhr auf der „Bestia“ mit, einem dieser Güterzüge, auf denen Hunderttausende durch Mexiko unterwegs sind, besuchte vom Zug abgestürzte, die zwar überlebten, aber durch Bein- oder Armamputationen absolut auf Fremdhilfe angewiesen sind. Mehrere Tage suchte ich mit mittelamerikanischen Müttern im Rahmen einer Karawane deren in Mexiko verschwundenen Söhne und Töchter, in den Rotlichtvierteln, in Gefängnissen und Abschiebeknästen oder einfach auf den Zentralplätzen der Städte entlang der Bahnlinie. Ich fuhr in die Herkunftsländer der Menschen auf dem Weg, suchte ihre Heimatorte auf, sprach mit Verwandten, Nachbarinnen und Nachbarn, mit Politikern und Menschenrechtsaktivistinnen und –aktivisten. Besuchte die Aufnahmestelle für die aus den USA mit Sonderflügen zurück deportierten Menschen und eine Aufnahmestelle für Mütter mit Kindern, die aus Mexiko per Bus zurück nach Honduras deportiert wurden. Und ich traf mich mit einem Coyoten, einem Schleuser, der mir sehr detailliert schilderte, wer alles auf dem langen Weg von Honduras bis in die USA an diesem Schleusen gut verdient, von den Grenzbeamten über Polizisten und Militärs.

Unendlich viele Geschichten habe ich mir in diesen Jahren angehört, von Kindern und Jugendlichen, von Frauen und Männern, von den Überlebenden der Zugabstürze, von den Herbergsmitarbeiterinnen und –mitarbeiter. Geschichten voller Gewalt, voll Angst und unfassbarem Leid. Geschichten, die diese Menschen zur Flucht oder Migration getrieben haben. Geschichten, die sie auf dem Weg erlebt haben. Und immer diese formulierten Hoffnungen -  auf ein besseres Leben, ein Leben ohne Gewalt und Angst, ein Leben, in dem sie ihren Kindern eine Perspektive bieten können, ein Leben, das ihnen in der Form in ihren Heimatländern verwehrt bleibt.

Keine dieser Recherchereisen war einfach, am wenigsten dann, wenn ich unterwegs auf diese Anfang zwanzig jährigen Mütter traf, die mit ihren drei, vier Kindern einfach nur aus der erlebten Gewaltspirale entfliehen wollten. Wenn mich die leeren Blicke der Kinder nicht mehr losließen, stumme Kinder, neben ängstlichen Müttern. Wenn mir ein 15jähriger Junge aus der Nähe von San Pedro Sula erzählte, dass er in seiner Flucht Richtung USA die einzige Chance gesehen habe, seine Eltern aus den Schutzgeldzahlungen an bewaffnete Jugendbanden befreien zu können. Den Entschluss fasste er für sich ganz alleine, nachdem die Bande den Eltern 24 Stunden gegeben hatte, zu zahlen oder zu verschwinden. Mit rund 7 Euro in der Tasche zog er los, ohne auch nur die geringste Vorstellung davon zu haben, wie weit die USA von San Pedro Sula entfernt ist. Oder der 14 Jährige Junge aus dem Hochland von Honduras, der in den USA Arbeit suchen wollte, um seine kranke Mutter zu versorgen und schon im Süden von Mexiko von der „Bestia“ stürzte und nur durch Beinamputation überleben konnte. Oder zwei minderjährige Freundinnen aus El Salvador, die schon gleich beim Grenzübertritt nach Mexiko von sie kontrollierenden Männern in die Büsche gezogen, vergewaltigt und beraubt wurden. Oder …..

Es ist kein neues Problem, dass sich in dieser Karawane der aus Honduras Flüchtenden manifestiert. Jahr für Jahr versuchen knapp 400.000 Menschen aus dem sogenannten Norddreieck Mittelamerikas die Grenze in die USA zu überschreiten. Jahr für Jahr steigen die Zahlen der Festgenommenen innerhalb Mexikos und von Mexiko in die Heimatländer zurück deportierten. 2014 sprach der damalige Präsident Barack Obama von 400.000 jährlich. Im Juli 2014 verstärkte er die Grenzsicherung, sprach von der bis dahin höchsten Anzahl von Grenzschützern, als Tausende von unbegleiteten Kindern und Jugendliche in die USA kamen und forderte deren Eltern in den Heimatländern auf, sie von der Migration abzuhalten. Damals wurden die Schlepper als die Verantwortlichen ausgemacht, gegen die die einzelnen Länder vorgehen sollten.
Zahlen über jährliche Migration, oder auch zu den Deportationen, die mich damals erschreckten sind heute längst normal, sind deutlich höher haben den ihnen innewohnenden Schreck für mich verloren.

Nichts ist seither besser geworden, weder die Sicherheit für die Papierlosen Menschen auf der Strecke, noch ihre Lebenssituation in ihren Heimatländern. Und in Honduras – diesem mittelamerikanischen Land, aus dem im Oktober die Gruppe von rund 2000 Migranten und Migrantinnnen diese jetzige Karawane gestartet sind – hat sich das Überlebensdrama für die an der Armutsgrenze lebenden Menschen nochmals dramatisch verschärft. Honduras gehört zu den Ländern mit der größten Kluft zwischen einer kleinen superreichen Elite und der Masse von über 60 Prozent unterhalb der Armutsgrenze lebender.

Waren es in den Anfängen dieses Jahrtausends hauptsächlich Männer, Arbeitsmigranten, die sich auf den Weg in die USA machten, um mit ihren Remesas, den Überweisungen, ihre zurückgebliebene Familie zu ernähren, kamen schon bald auch die Frauen dazu. Sie flohen vor der alltäglich erfahrenen machistischen Gewalt ihrer Ehemänner, Väter, Onkel, Brüder und ließen ihre Kinder bei den Großeltern oder Tanten zurück. Doch nach dem Putsch im Sommer 2009 in Honduras und der damit einhergehenden Aushebelung der noch zarten, im Wachstum sich befindenden rechtsstaatlichen Strukturen, veränderte sich nochmal das gewohnte Migrationsbild. Die Wiedereinsetzung des gestürzten Präsidenten Zelaya konnten die Putschisten aussitzen und unter dem Konzept eines neoliberalen Wirtschaftsmodells einen ungeheuren Ausverkauf der Ressourcen vorantreiben. Das führte zu massenhafter Vertreibung vor allem der indigenen ländlichen Bevölkerung auf deren Ländereien Großprojekte angeschoben wurden. Darunter riesige Monokulturen für Palmölproduktion, Lizenzen an internationale Konsortien für Bergbau oder Wasserkraftprojekte, touristische Großprojekte. Mit diesem Ausverkauf des Landes wurden komplette Familien ihrer wenigen Habseligkeiten beraubt, ihres Lebens bedroht. Flucht schien ihnen die einzige Alternative aus dieser Spirale der Gewalt und des Elends zu entkommen. So machten sich immer mehr ganze Familien auf den Weg. Später auch Kinder und Jugendliche, weswegen zuletzt im Sommer 2014 der damalige Präsident Obama die Nationalgarde an die Grenze zu Mexiko geschickt hatte, mit der er den Exodus der unbegleiteten Kinder und Jugendlichen stoppen wollte.

Die Drohung Trumps gegenüber der jetzigen Karawane, die Hilfszahlungen im Rahmen der Allianz für den Fortschritt – ein Programm, mit dessen Hilfe schon seit längerem in den Ländern des nördlichen Dreiecks Anreize für die potentiellen Migranten hätten geschaffen werden sollen – einzustellen, prallt an den Menschen der Karawane ab. Diese Gelder sind nie bei ihnen angekommen, damit sind keine Impulse für Arbeitsplätze geschaffen worden, keine Anreize im Land etwas aufzubauen, das tatsächlich die Lage der Ärmsten der Armen verändert hätte. Honduras ist ein durch und durch zerrüttetes Land, zersetzt von Korruption auf allerhöchster Ebene und mit einer diese Zersetzung fördernde Straflosigkeit, ein Staat ohne rechtsstaatliche Grundfesten. Und einem Präsidenten der illegaler Weise, entgegen der Verfassung im November 2017 ein zweites Mal zur Präsidentschaftswahl angetreten ist und ihm von dem von ihm eingesetzten obersten Wahlrat trotz offensichtlicher Irregularitäten dann die erneute Präsidentschaft zugesprochen wurde. Trumps Anerkennung von Juan Orlando Hernandez als wiedergewählter Präsident, ließ die Forderung nach Wahlwiederholung ins Leere laufen. Vielleicht hatte Trump dabei Trumans Worte von 1939 über Anastasio Somoza, dem damaligen Diktator Nicaraguas im Kopf: "Somoza may be a son of a bitch, but he's our son of a bitch“ - Somoza mag ein Hurensohn sein, aber es ist unser Hurensohn! Betroffen sind wie immer die Ärmsten der Armen, die Vergessenen und Entrechteten. Diejenigen, die sich jetzt zu Tausenden auf dem Weg in die USA wiederfinden, mit dem einzigen Gedanken im Kopf: schlechter kann es nicht werden.

Erika Harzer, 28. Oktober 2018

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