22. September 2019

Sehr geehrte Frau Merkel, Frau Bundeskanzlerin,
der 20. September hätte Ihr großer Tag werden können. Ein Tag, an dem Sie neue Zeichen hätten setzen können. Ein Tag für die Geschichtsbücher. Ein Tag, an dem sich die Politik freigeschwommen hätte von den Lobbyinteressen der großen Industrien. Ein Wendepunkt, an dem sich die deutsche Politik mit Ihnen als Kanzlerin zu klaren, unmittelbar notwendigen, wirkungsvollen Maßnahmen entschieden hätte. Was hat Sie daran gehindert?

Sie als Physikerin, als Wissenschaftlerin, verstehen die dringlichen Appelle Ihrer Kolleg*innen zum schnellen Handeln, wenn wir es irgendwie noch schaffen wollen, die Erderwärmung zu stoppen. Was hat Sie daran gehindert, diesen Weg tatsächlich einzuschlagen und sich weiterhin von den Diktaten der Automobilindustrie, der Agrarindustrie, der Pharmaindustrie, all derjenigen also, abhängig zu machen. All derer also, die an Veränderung kein Interesse haben.

Seit bald 14 Jahren sind Sie Kanzlerin und es ist bereits klar, dass Sie sich nicht mehr zur Wahl stellen wollen. Was hält sie davon ab, zum Ende ihrer Karriere den großen Sprung, den Quantensprung zu wagen, mit dem Sie Veränderung erreichen könnten? Was bewegt Sie stattdessen, nach 19 Stunden Kabinettssitzung, völlig unüberzeugt vermeintliche Erfolge zum Klimaschutz zu verkünden, die sie als Wissenschaftlerin doch selbst nicht glauben können? Haben Sie das nötig? Welche Lobbypolitik hat sich hier durchgesetzt, uns verkaufen zu wollen, dass zum Beispiel höhere Pendlerpauschalen den richtigen Weg markieren könnten? Fiel in Ihrer Erklärung irgendwann die Aussage, dass wir weg müssen vom Individualverkehr, dass schnellstens die Infrastruktur für öffentlichen Nahverkehr mit Bahn, Bus, mit Mitfahrsystemen, Carsharing, Fahrrad usw. massiv ausgebaut und so getaktet werden muss, dass Pendler vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen können, die Pauschale überflüssig wird? Sie wollen den Umstieg auf Elektroautos fördern, preisen dies als Teil der Lösung. Wie bitte soll dies Teil der Lösung sein, wenn nicht parallel der Individualverkehr als solcher massiv reduziert wird? Wo kommen die Ressourcen her, das Lithium, die seltenen Erden? Wo werden sie verarbeitet, mit welchem CO2 Ausstoß zum Beispiel in China? Vielleicht reduziert sich der CO2 Ausstoß in Deutschland. Doch stehen wir nicht am Punkt generell die Emissionen reduzieren zu müssen? Und zwar ab vorgestern und nicht ab anno 23 … oder wann?

Sie sind Physikerin, sind Wissenschaftlerin. Sie wissen das! Sie wissen auch, dass der auf Brasiliens Präsident Bolsonaro gerichtete schuldzuweisende Zeigefinger wegen der verheerenden Brände im Amazonasgebiet auch auf die in Deutschland betriebene industrielle Fleischproduktion gerichtet werden muss. Sie hat damit zu tun. Die Brände sind verheerend für das Klima, treiben die Erderhitzung weiter an. Deutschland ist Import-Weltmeister für Tierfuttersoja aus Südamerika. Allein zur Fütterung der deutschen Masttiere mit Soja braucht es in Südamerika eine Anbaufläche größer als Brandenburg.

Aber wird nicht hier in Deutschland für die industrielle Fleischproduktion in den großen Mastbetrieben das auf den brandgerodeten Äckern Brasiliens angebaute Soja an die Tiere verfüttert? Um ein Kilogramm Hühnerfleisch zu erzeugen, wird fast ein Kilogramm Soja verfüttert, 650 Gramm für Schweine und 230 Gramm beim Rind. Sind wir nicht durch unseren Fleischkonsum hier in Europa mitverantwortlich an diesen verheerenden Bränden im Amazonasgebiet? Sind wir nicht verpflichtet mit klaren Regulierungen sofort umzudenken? Dafür braucht es die richtigen Zeichen der Politik. Untersuchungen und Vorschläge gibt es zu Hauf! Sie in ihrer Position müssen davon wissen. Warum bleibt es bei dem „weiter so“?

Sie wissen, wohin das führt. Ihre Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft haben dies oft genug und mit klaren, selbst für Laien verständlichen, Worten wiederholt öffentlich gemacht. Warum zögern Sie, das „weiter so“ mit klaren Regulierungen zu stoppen, wissend, dass uns dieses „weiter so“ in die Klimakatastrophe führt? Wollen Sie verhindern, dass Ihnen durch Regulierungsleitlinien und einem politischen Abnabeln von Industrielobbyismus gar sozialistisches Handeln vorgeworfen wird? Kann es sein, dass Sie deswegen lieber offenen Auges und wissend zuschauen, wie der Planet zugrunde gerichtet wird, statt den dafür verantwortlichen kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen Einhalt zu gebieten? Sie sollen Wanderungen in den Bergen lieben, wird über Sie geschrieben. Auch gerne mal mit Reinhold Messner, dem Urgestein der Berge. Ist es nicht so, dass in solchen Momenten auf diesen wunderbaren Gipfeln dieser Berge, sich ein Gefühl der Demut breit macht, ob der Größe und Schönheit dieses Planeten, die uns Menschen so klein und unbedeutend erscheinen lässt. Besondere, wertvolle Momente. Warum lassen Sie sich von diesen nicht tragen? Warum nutzen Sie ihre wenige noch verbleibende Zeit auf diesem Amt als Bundeskanzlerin nicht für klare Botschaften zum Erhalt dieses Planeten, und damit unserer aller Lebensgrundlage. Wir brauchen keine Pflaster. Wir brauchen grundsätzliche, steuernde Eingriffe. Jetzt!

Erika Harzer, Hörfunk Autorin, Kellinghusen

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