13. Juli 2019

Haben wir’s verkackt? Dreieinhalb Worte und ein Fragezeichen. Nicht viel und doch geht’s ums Ganze. Haben wir’s verkackt? Wenn wir die existenziellen Kritiken und Forderungen der Schülerinnen und Schüler der Friday for Future Bewegung nicht nur wohlwollend beklatschen, sondern in ihren Inhalten ernst nehmen, können wir uns eigentlich vor dieser Frage nicht wegducken.

Nicht vor der Fragestellung, nicht vor der Verantwortung. Wir sind damit auch gemeint und sollten zumindest unseren Anteil an dieser heutigen Weltlage selbstkritisch benennen, von der die Schülerinnen und Schüler sagen, dass es nur dann noch Zukunftschancen für sie auf diesem Planeten gäbe, wenn die auf ihr lebenden Menschen sofort radikale, einschneidende Veränderungen vornähmen. Ihre Ansagen sind klar, die Forderungen auch. Aber wie? Wer?
Mein Sohn sagt, noch rund zwanzig Jahre, dann ist das Schiff auf Grund gelaufen, wenn nicht sofort konsequent gehandelt würde. Dann legt er mir die Themen auf den Tisch, zeichnet daraus Zukunftsbilder, Fakten, Zahlen, die als solche nicht neu sind. Zum Teil sogar schon seit vielen Jahren wiedergekäut werden. Dadurch nicht besser wurden sondern in ihrer Bedrohung für die Zukunft zunahmen. Und diejenigen, die sich als Repräsentanten der Menschen sehen und immer wieder davon reden, das tun zu wollen, was die Menschen von ihnen erwarten, haben die Themen schlicht und einfach im nichts sagenden Geschwafel verwässert und in der Warteschleife abgelegt.


Die Kacke dampft. Der Gestank ist nicht wegzureden. Der Haufen sichtbar. Wir müssen handeln. Jede*r einzelne von uns mit seinen, ihren Möglichkeiten, aber vorneweg, diejenigen, die von sich sagen, sie leiten die Geschicke des Landes, sie seien die Vertreter*innen der Menschen, von deren Steuergeld sie gut bezahlt werden. Welcher Menschen eigentlich? Welchen Kontakt haben die Politiker*innen überhaupt zu den Menschen, auch zu denen, die sie gewählt haben? Was machen sie mit verantwortungsvollen zukunftsweisenden Initiativen, egal wie groß, klein, grenzüberschreitend, lokal oder regional? Was wird daraus? Was wir erleben ist: weg reden. Sinn entleeren. So tun als ob. Wie schnell verwässern selbst minimal formulierte Ziele des Klimaschutzes, werden sie Lobbyinteressen untergeordnet als vermeintliche Arbeitsplatz-Vernichter, als Entwicklungshemmer, als dem Zeitgeist widersprechend. Wann haben wir angefangen, gegen Atomenergie auf die Straße zu gehen? Anfang der 70er? Vor rund 50 Jahren. Wir wurden belächelt, als Terroristen beschimpft, als Entwicklungsblockierer niedergemacht, verprügelt, mit Wasserwerfern vertrieben, einige eingesperrt, andere schwerverletzt.


Und: weiß man heute, wo der seither produzierte Atommüll gelagert werden kann – sicher für Jahrtausende? Was man weiß ist: es hat Fukushima gegeben, Tschernobyl, Harrisburg. Für die Nachfolgekosten des „sauberen“ Atomstroms – die Lagerung in so wundervoll benannten „Entsorgungsparks“ - zahlen noch unzählige Folge-Generationen, wenn es denn Zukunft für sie noch geben wird.


Heute müssen Menschen den Hambacher Forst verteidigen gegen Brachialgewalten staatlicher Sicherheitskräfte, obwohl dem Braunkohleabbau (für wen?) längst die Zukunft abgesprochen wurde. Irrsinnige Steuergeldverschwendung – oder wer zahlt die brachialen Einsätze der Polizei? – für Machtdemonstrationen gegen Waldschützer*innen, für ein katastrophales Auslaufmodell, das längst beendet sein müsste, aber noch auf Rendite setzt. Für wen?


Jeden Morgen hören wir endloslange Staumeldungen auf den ganzen A’s und B’s des Landes. 6 km, 7 km, 10 km. Tagtäglich. Die gleichen Strecken, vermutlich die gleichen Fahrenden, die mit der heiligen Kuh des Deutschen, mit ihrem Auto, unterwegs sind. Meist alleine am Steuer, neustes Modell, SUV ist angesagt. Freie Fahr für freie Bürger! Tempolimits auf unseren Autobahnen, das hat Verkehrsminister Scheuer, seines Zeichens CSU’ler, erst im Januar diese Jahres klar erkannt: die seien „gegen jeden Menschenverstand“. Und ja: „das Prinzip der Freiheit habe sich bewährt.“ Für wen Herr Scheuer? Sicherlich für die großen Firmen dieses Landes, die in einen Betrugsfall nach dem anderen verwickelt sind, die uns in Sachen Abgasreduzierung ein X für ein O verkauft haben. Die aber genährt werden wollen, die Status bedeuten, für den Einzelnen, für’s Land.


Wann gab es die ersten großen Kampagnen, in denen wir uns für kostenlosen Nahverkehr stark gemacht haben, als die Ton Steine Scherben mit ihrem „Nee, ne, ne, eher brennt die BVG …“ zum Fahren ohne Fahrschein uns dafür singend Mut machten? Irgendwann Ende der 70er? Hat je irgendeine*r der Verkehrspolitiker*innen sich ernsthaft mit solchen Konzepten auseinandergesetzt? Das Konzept autofreie Städte, das Konzept funktionierender öffentlicher Verkehr mit Bahn und Bussen – den großen und den kleinen? Im städtischen und ländlichen Raum? Ein Traum, der gelebt werden könnte, wenn die heilige Kuh, das Auto, zu dem erklärt würde, was es ist: eine luxuriöse Ressourcenfresserin und wenn die Politik endlich vernünftige Mobilitätskonzepte umsetzen würde. Vor allem auch im ländlichen Raum, in dem die dort lebenden dank der nicht vorhandenen Bahnanbindung oder kaum fahrenden Bussen auf das Auto angewiesen sind, wenn sie teilhaben wollen an gesellschaftlichem Leben, oder einfach nur, um sich zu versorgen. Nicht dass solche Konzepte nicht entwickelt worden wären. Aber sie sind für Unternehmer nicht börsenfähig.


Die Zeit des „Augen zu und durch“, des „es wird schon“ ist vorbei. Auch die Leugner*innen des menschlichen Einflusses auf den Klimawandels in ihren rechtspopulistischen Pamphleten und sozialen Netzwerken müssten eigentlich wissen, wie fatal ihre politischen Abwiegelungen in diesem Kontext sind. Und trotzdem halten sie an ihren bizarren, folgeschweren Aussagen fest. Das bringt eher Stimmen, als die sie Wählenden auf notwendigen Verzicht und einen verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen hinzuführen. Klar, Verzicht wiegt unterschiedlich schwer und ist immer eine Frage des Ausgangspunktes, des Habens und Teilhabens. Da führen diffamierende Argumente meist zu falschen vermeintlichen „Lösungen“.


Unendlich viel könnte ich jetzt hier aufzählen an katastrophalen politischen Entscheidungen, die uns dahin geführt haben, wo wir heute stehen, mit Kindern, die demonstrieren, weil wir „verkackt“ haben, weil wir diese vernichtende Politik nicht mit aller Konsequenz bekämpft haben, weil wir auf unterschiedlichsten Ebenen zu Teilhabenden wurden. Manchmal mit schlechtem Gewissen, manchmal aber auch einfach uns, bzw. sich selbst belügend mit der selbstgefälligen Rechtfertigung, „man gönnt sich ja sonst nix!“ Den Wochenendtrip mit easy Jet oder Germanwings nach Barcelona oder Wien, mal in die Anden, oder Patagonien erleben. Tauchen in der Karibik, Schwitzen im tropischen Regenwald, Ayurveda in Sri Lanka, Trommeln in Ghana, zum Filmfestival oder Sportevent nach Rio oder Mexiko City oder Neuseeland. Ist ja alles wichtig, für die Seele, für’s dazu gehören. Oder dabei sein bei einer der Klimakonferenzen mit über 2000 angeflogenen NGO Aktivistinnen aus aller Welt. Die mobile Welt und wir mitten drin. In wichtiger Mission. Politische Aktivist*in, Medienschaffende*r, Expert*in irgendeiner entwicklungspolitischen NGO. Die ganzen Geschäftsreisenden lasse ich mal außen vor. Oder einfach mal entspannen, man gönnt sich ja sonst nix. Jeden Winter in die Alpen, Adrenalinschübe auf den Pisten. Ok, im Sommer sieht man, wie sie runter sind, wie die Gletscher schrumpfen, ist ja nichts Neues. Aber doch nicht wegen mir, wegen meiner paar Abfahrten. Oder meinen paar Flüge? Immerhin zahle ich Emissionsausgleich. Aber: Wie viele Flüge sind wirklich unabwendbar nötig? Stellen wir alle, die wir uns Fliegen bisher leiten können, diese Frage? Auch die Grünen? Wer bemisst die Notwendigkeit? Wie viele alpine Winterurlaube? Wie viele Bergtouren in „unberührten“ abgelegenen Regionen? Wie viele Kreuzfahrten mit Mega Cruisern auf den Meeren dieser Welt? Hinein in die historischen Städte, Weltkultur-Erbe. Was macht das mit den Menschen dort, was mit uns allen?
Wie viele Mobiltelefone liegen eigentlich bei uns herum. Zuerst wollte ich keines, dann habe ich mir doch eines geholt. Und heute? Durch die Arbeit, für die Arbeit habe ich eines, mit dem ich unterwegs kommunizieren kann. Zwar ohne facebook oder instagram, aber mit WhatsApp und meinen Mails. Weltweit mobil. Schon ein paar Mal habe ich mir erklären lassen, was es für ein Energieaufwand ist, wenn ich kurze, unbedeutende und unwichtige Nachrichten mit diesen Medien durch die Welt, oder einfach nur im eigenen Haus vom Erdgeschoss in ersten Stock schicke. Ich mach es trotzdem. Warum?


Mein Sohn sagt, in etwa zwanzig Jahren ist das Schiff auf Grund gelaufen. Und ich mache weiter, als ob noch Unendlichkeit im Raum stünde. Klar, ich schränke mich ein. Reicht das? Was ist meine Rolle in dem Ganzen? Reicht es, dass ich zur Vegetarierin wurde, nicht weil mir ein gutes Steak nicht schmecken würde. Ich hab zugegebenermaßen lange gebraucht, um endlich diese Entscheidung zu treffen. Aber jetzt ist sie gefestigt. Nicht vegan, vegetarisch eben. In unserer Kleinstadt ist ein Schlachthof. 6000 Schweine am Tag können hier geschlachtet werden, gut 4.000 sind es schon täglich. Auf Lastern angekarrt, rein in die Fabrik, dann ein bisschen Gas, dann der finale Schnitt. Rumänische Werksarbeiter, die modernen Sklaven des 21. Jahrhunderts in unserer Welt, von Subunternehmern angekarrt, von Subunternehmern „eingemietet“, schuften sich krank für die „Geiz ist geil Schnitzel“ auf deutschem Grill. Menschen zweiter Klasse in einer kaum sichtbaren Parallelwelt direkt neben uns, irgendwo innerhalb dieser Produktionskette der modernen industriellen Nahrungswirtschaft von Massentierhaltung, Massentierschlachtung, Massentierfutterproduktion. Neben der billigen Schlachter braucht es dafür Pestizide, Herbizide, Insektizide, Fungizide, Antibiotikas … kurz Gifte aller Art. Neben Billig-Fleisch produziert dies auch Massen von Gülle. Wohin damit? Hier wird Fleisch produziert, mit Futter, das voller …izide angereichert ist, mit Tieren, die mit Antibiotika vollgestopft sind, deren Produktion Ressourcen frisst und die Umwelt schwer belasten. Wenige Beispiele, die mir spontan einfallen.


Was also müsste alles sofort passieren, damit die Horrorszenarien Zukunft für die Generation Jugend heute wieder zu überlebenswerten Zukunftsszenarien werden könnten? Wo anfangen, wo in die Tiefe gehen, wo, wie, was und vor Allem: mit wem? Wo anfangen, ohne labbern zu wollen, ohne dieses Spiel zu spielen, das die Politik und die Wirtschaft vorgibt. Schönreden und nichts sagen. Zu all den existenziellen, unfassbaren Problemen, die nach Lösungen schreien. Wo anfangen? Bei den dumpfbackigen alten Männern, die mit kurzen zackigen Sprüchen die Welt zugrunde richten wollen und denen diejenigen, die sie mit ihrer Politik zugrunde richten, nach wie vor laut zu jubeln? Was muss passieren, damit wir die Komfortzonen, die wir uns mühsam geschaffen haben, bereit sind zu verlassen? Von alleine passiert nix. Es braucht Druck, braucht Millionen von Aufmüpfigen, braucht geniale Ideen, gute Projekte mit klaren, konsequenten Aussagen ohne Geschwafel, ohne Herumgerede. Es sind die Schülerinnen und Schüler, die seit Wochen freitags ihre Zukunft fordern, es ist ein einzelner youtuber, der in super performance die Regierenden und deren Inkompetenz vorführt. Und wo bewegen wir uns? Die Generation 60 plus, die Eltern und Großeltern. Die Nachkriegsgeneration und die Generation danach. Die in den 50ern, den 60ern, oder auch den 70ern geborenen. Die objektiv aus dem Vollen gelebt haben. Auch wenn es sich subjektiv eher nach Viertel oder halbvoll angefühlt hat. Wir können uns nicht mehr wegducken. Wir sind alle gefordert, wir alle. Ich auch.

 

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